Über die Initiative

Ziel

Für viele ist Google die erste Anlaufstelle, wenn es um Informationen jeglicher Art geht. Dabei sind die Ergebnisse, die bei einer Suchanfrage angezeigt werden, nach einer bestimmten, von Google festgelegten Logik sortiert – und diese Reihenfolge bestimmt maßgeblich, auf welcher Webseite die Nutzer*innen am Ende landen, denn die meisten klicken auf diejenigen Webseiten, die sich in der Liste ganz oben befinden. Wie können es linke und feministische Webseiten schaffen, dort zu stehen? Um diese Frage geht es bei feministclickback.org. Das Projekt möchte emanzipatorische Webseiten dabei unterstützen, die Prinzipien von Suchmaschinenoptimierung kennen und anwenden zu lernen, damit ihre Webseiten ein breiteres Publikum erreichen können.

Warum Google für Feminist*innen relevant ist

Es gibt zwei Arten von Suchergebnissen bei Google: Ganz oben stehen bezahlte Anzeigen, gekennzeichnet durch ein kleines Kästchen mit dem Wort „Anzeige“. Danach beginnen die sogenannten ‣organischen Suchergebnisse, die nicht käuflich sind, sondern danach sortiert werden, für wie relevant sie Google für den jeweiligen Suchbegriff hält.

Organische Suchergebnisse vs. bezahlte Anzeigen

[[ Bezahlte Anzeigen können sich für politische Kampagnen unter Umständen auch lohnen. Je nach Suchbegriff sind sie jedoch teuer und haben nur einen kurzfristigen Effekt. ]]

Suchmaschinenoptimierung (Englisch search engine optimization, kurz: SEO) ist nun der Versuch, Webseiten so zu gestalten, dass sie in den ‣organischen Ergebnissen möglichst weit oben erscheinen.

Viele linke und feministische Projekte erstellen Webseiten, um ihre Inhalte und Forderungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen – um zu informieren, um Analysen zu veröffentlichen und um Anlaufpunkt für Interessierte zu sein. In diese Webseiten fließt viel Arbeit und es entstehen tolle Inhalte, doch oft werden bei der Verbreitung der jeweiligen Webseite nicht alle strategischen Möglichkeiten ausgeschöpft. Steht der Link zur Seite lediglich auf Flyern oder verbreitet sich ausschließlich über soziale Medien, erreicht sie womöglich nur diejenigen, die das Projekt ohnehin schon kennen oder sich in dessen Umfeld bewegen.

SEO bietet hierbei eine Möglichkeit, noch einmal ganz andere Zielgruppen – auch jenseits der eigenen sozialen Blase – anzusprechen. Für viele ist Google das Tor zum Internet und der erste Anlaufpunkt, wenn sie Informationen suchen – auch und gerade zu gesellschaftlichen Debatten. Doch die wenigsten klicken sich bis auf die zweite Seite der Ergebnisliste durch, und die Webseiten, die auf Seite Drei, Vier, Fünf oder Acht stehen, spielen so gut wie gar keine Rolle. Circa 30% klicken auf das erste Ergebnis, 15% auf das zweitedanach geht es mit der Zahl der Klicks steil bergab (siehe Google CTR-Studie).

Dem gegenüber ist an Aufbau und Struktur vieler rechter und anti-feministischer Webseiten zu erkennen, dass diese ganz gezielt SEO nutzen, um Menschen zu erreichen. Feministische und linke Seiten schneiden demgegenüber alarmierend schlecht ab: Eine Google-Suche nach „Abtreibung“ spült eine ganze Reihe an „Lebensschutz“-Seiten auf den Bildschirm (für eine Definition der "Lebensschutz"-Bewegung siehe Auszug aus dem Buch „Deutschland treibt sich ab“ von Eike Sanders, Ulli Jentsch, Felix Hansen auf der Webseite des apabiz); bei Suchbegriffen wie „Gender Mainstreaming“ oder „Definitionsmacht“ landet mensch schnell bei „wikiMANNia“, einer rechten anti-feministischen Seite, die bei Google für viele Suchbegriffe erschreckend gut platziert ist.

Das Internet ist ein umkämpfter Raum – und es ist wichtig, dass Linke in diesem Kampf mitmischen und dabei alle vertretbaren Mittel ausschöpfen.

Dazu kann auch SEO gehören, wenn es strategisch sinnvoll eingesetzt wird.

Die großen Suchmaschinenbetreiber Google und Bing sind zwar Unternehmen auf dem kapitalistischen Markt, die aus linker Perspektive aus vielen Gründen kritisiert werden müssen. Deshalb ist es nur verständlich und richtig, wenn Linke auf alternative Suchmaschinen umsteigen und Google & Co. gar nicht mehr nutzen. Doch im Rahmen dieses Projekts geht es nicht in erster Linie darum, ob es vertretbar ist, als Linke Google zu nutzen oder nicht. Stattdessen geht es darum, wie linke Webseiten Suchmaschinen wie Google für sich nutzen können, um diejenigen Menschen zu erreichen, die eben noch nicht links politisiert sind.

In Deutschland hat Google einen Marktanteil von über 90%, weltweit sind es 88% (siehe Studie von 2014). Solange eine so große Mehrzahl der Menschen Google nutzt, wäre es strategisch unklug, SEO komplett zu verwerfen. In diesem Sinne fällt feministclickback kein Werturteil über Google, sondern möchte einen Beitrag dazu leisten, die Menschen dort abzuholen, wo sie sich im Internet bewegen.

SEO als gezielte Strategie von Lebensschützern

An Struktur und Aufbau einschlägiger „Lebensschutz“-Webseiten ist erkennbar, dass sie SEO gezielt betreiben und das auch relativ erfolgreich: Für ‣Keywords wie „Abtreibung“ und verwandte Suchanfragen wie „Abtreibung Kosten“ erscheinen „Lebensschutz“-Seiten auf der ersten Seite. Feministische Organisationen wie Pro Familia befinden sich weit hinten.

Dabei sind diese Webseiten nicht auf den ersten Blick als Lebensschutz-Seiten erkennbar, denn sie geben sich einen betont neutralen Anstrich. Dass sie Schwangerschaftsabbrüche ablehnen und Menschen davor abschrecken wollen, zeigt sich auf den zweiten Blick darin, dass sie die Risiken eines Abbruchs dramatisieren und teilweise Risiken erfinden, die es nicht gibt. Darüber hinaus versuchen sie, möglichst schnell in direkten Kontakt mit Schwangeren zu treten, um sie im persönlichen Gespräch unter Druck setzen zu können. SEO ist in dieser Hinsicht ein äußerst effektives Instrument, denn dadurch erreichen sie ihre Zielgruppe, verdrängen feministische Informationsangebote nach hinten (SEO basiert schließlich auf Konkurrenz) und entziehen sich staatlichen Verboten (etwa wenn es ihnen untersagt ist, Schwangere in sogenannten Gehsteigberatungen direkt vor Kliniken zu belästigen) und feministischem Protest (weil sich gegen Suchergebnisse schwer eine Gegenkundgebung organisieren lässt).

Diese Strategie ist besonders heimtückisch, weil zu vermuten ist, dass Schwangere, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägen, besonders häufig das Internet für Informationen nutzen. Zumal Schwangerschaftsabbrüche in manchen Teilen der Bevölkerung noch so stigmatisiert sind, dass es womöglich im direkten Umfeld keine Bezugspersonen gibt, mit denen sie über ihre Situation offen reden könnten. Gleichzeitig ist in Deutschland auf Grundlage des Paragraphen 219a eingeschränkt, wer über Schwangerschaftsabbrüche informieren darf. Ärzt*innen, Kliniken und Praxen, die Abbrüche durchführen, ist dies z.B. unter Strafe verboten. Dies ist auch ein Grund, warum die Suchergebnisse in Deutschland in diesem Bereich relativ einseitig sind. In anderen Ländern, in denen es eine gesetzliche Regelung wie den Paragraphen 219a nicht gibt, wie etwa in Österreich, ist das Informationsangebot auf der ersten Seite der Suchergebnisse für "Abtreibung" um einiges vielfältiger, da auch die Webseiten von Kliniken und Ärzt*innen vertreten sind, die medizinisch fundiertes Wissen anbieten. Um die Einschränkung des Informationsangebots in Deutschland für sich auszunutzen, bieten viele „Lebenschutz“-Webseiten Telefon-Hotlines an, die vordergründig Rat und Hilfe anbieten, tatsächlich jedoch die Anrufer*innen von einem möglichen Schwangerschaftsabbruch abhalten sollen. Das sollte nicht unwidersprochen bleiben!